Ein kleiner Bericht zur 45. Langstreckenfahrt "1000km durch Deutschland" des MC Freital

 


.. ist ja nun schon eineinhalb Wochen her, dass ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe,
und mein Adrenalinspiegel hat sich inzwischen wieder normalisiert.
Auch der Jetlag ist überstanden.... Zeit für ein Fazit und einen kleinen Bericht:

Ich war im Vorfeld aufgeregt wie als 16- Jähriger vorm ersten Stelldichein (-für die Jüngeren: vorm ersten Date) mit einer heißen Braut.

Aber dann kam die Startprüfung: 20m-Sprint, Motorrad starten, aufspringen und Vollgas eine Ziellinie passieren. Meine Zeit sollte ich erst einen Tag später erfahren, denn ab dieser Ziellinie ging die Fahrt ja erst richtig los.
Die Aufgeregtheit ist passe, jetzt bin ich im Wettkampf- Fiber.

Als ca. 50ster Starter des Feldes werde mich zur der nächsten Wertungsprüfung sehr weit hinten anstellen müssen.
Wenn ich bis dahin nicht einige Teilnehmer überholen kann.

Rasen verbietet sich: StVO ist angesagt, und am Samstag Vormittag steigt die Verkehrsdichte schnell.
Die vorher zurechtgelegte Route lässt sich auch nicht einhalten.
Immer wieder zwingen Baustellen- Sperrungen zu spontanen Entscheidungen.
Ich kenne die Gegend ein bisschen. Versuche, größere Ortsdurchfahrten zu vermeiden und schrecke auch vor Feldwegen nicht zurück in der Hoffnung, dass sie sich nicht irgendwo in einem Rapsfeld verlieren.
Das Glück - oder mein Instinkt - bleibt mir hold, und am nächsten Punkt stehe ich in der Warteschlange vor etlichen Fahrern mit niedrigerer Startnummer.

Immerhin habe ich einige Gelegenheit zu beobachten, wie andere Fahrer den weitgesteckten Slalom-Parcours angehen.
Und bin schwer beeindruckt: Hier sind neben vielen, die es relativ ruhig und stressfrei angehen lassen auch ausgesprochene Artisten unterwegs, die im Tiefflug die Kegel umkreisen und am Ziel punktgenau mit Halb-Meter-Stoppie zum Stehen kommen.
Ich bin auf dem Weg um die Kegel bestimmt nicht der Langsamste, aber mein Bremsmanöver geht in die Hose: Als ich endlich stehe, liegt der Zielstrich nicht wie gefordert zwischen den Rädern, sondern 10cm dahinter.
Sch....ade.
Aber nicht so schlimm, es kommt ja noch ein weiteres knappes Dutzend Wertungsprüfungen, wo ich Punkte einheimsen kann...
...............

Mittag ist lange vorüber. Das Feld hat sich so weit auseinandergezogen, dass man nur selten einem anderen Fahrer auf der Strecke begegnet.
Der letzte Slalom war so eng gesteckt, dass wahrscheinlich die 70ccm- Simson die besten Zeiten gefahren haben. Für mich und die At war es eine echte Herausforderung, hier schnell zu sein und alle Kegel stehen zu lassen.
Ich brauch eine Pause...
Ich finde einen schattigen Wanderparkplatz am Rande eines kleinen Sträßchens, stelle die AT ab,
hole ein zu diesem Zweck mitgebrachtes Nacken-Kissen aus dem Topcase
und mach es mir auf der Wiese bequem.
Zehn Minuten Power-Napster.
Weiter geht's!

...............

Die Sonne hat sich erst hinter Niesel-Wolken, dann hinterm Waldsaum verkrochen.
Im letzten Licht des Tages wartet auf einem geschotterten Platz im Hochharz eine Langsam- Fahrstrecke auf mich:
Erst ohne Motor bergab.
Wie viele Sekunden schaffe ich es, innerhalb der Gasse am Rollen zu bleiben, ohne ins Straucheln zu kommen?
Der Zeitnehmer zeigt sich beeindruckt - ich scheine nicht ganz schlecht zu sein.
Der Ehrgeiz packt mich.
Jetzt bergauf mit Motorkraft.
Langsam!
Noch langsamer!

 

Stehenbleiben ist verboten, das Vorderrad muss immer in Bewegung bleiben.
Ich stehe fast.
Die Kupplungshand zuckt.
Mein linkes Bein ragt als Balancierstange in die Luft -
nützt nix.
Ich verliere das Gleichgewicht und muss einen Fuß auf den Boden setzen.
Damit verliere ich auch alle Punkte von Teil II der Langsamfahrprüfung.
Da muss ich wohl bis zum nächsten Jahr noch mal heimlich trainieren

Die Zeit von Teil I wird auf meiner Fahrerkarte vermerkt, die ich sorgfältig im Tankrucksack verstaue.
Mehr als die Hälfte der vorgesehenen Felder meiner Karte sind schon ausgefüllt - ich bin bisher ganz zufrieden.

Jetzt erst mal Zwangspause.
In 90min darf ich weiterfahren.
Auch diese Zeiten werden auf der Fahrerkarte vermerkt und abgestempelt.

Am Proviant kauend schwatze ich mit anderen Fahrern, tausche Eindrücke und Erlebnisse aus:
Ein anderer AT Fahrer hatte einen Schlauch-Platzer und hat viel Zeit damit verloren, Samstag Vormittag einen neuen 21er Schlauch zu besorgen. Weshalb er danach per Autobahn die Strecke verkürzen musste und dadurch viele Wertungspunkte auslassen musste. Aber jetzt spielt er wieder mit.

Dann such ich mir abseits ein ruhiges Plätzchen im Gras, pack mir das Kissen in den Nacken, ziehe mir die Oma über die Augen und schlafe ein halbes Stündchen.
Den feinen Nieselregen und die zwei-drei Mückenstiche kann ich erfolgreich ignorieren.

Die Dunkelheit wird dichter, der Verkehr wird dünner.
Ich versuche, auch bei hohem Tempo die Felder und Waldränder links und rechts der Straße im Blick zu behalten und bin ständig bremsbereit.
Nach dem Elch-Crash vor einem Jahr nehme ich Wildwechselschilder in doppelter Größe wahr:
Lieber etwas langsamer, auch wenn der Asphalt griffig und die Straße breit und gerade ist.
Einige Füchse und Rehe sehe ich so schon von Weitem, lasse ihnen den Vortritt und tuckere hinter ihnen vorbei.

Das Navi zeigt "Kürzeste Strecke". Die geht über eine Elbfähre.
Ich weiß nicht, ob die Fähre nachts in Betrieb ist und nehme lieber einen Umweg über die nächste Brücke.

Bis kurz vor Mitternacht hat die Dämmerung sich ausgeschlichen.
Jetzt ist die Dunkelheit vollkommen.
Neumondnacht.

In den Orten suchen sich Feierfreudige ihren Heimweg und brauchen manchmal viel Platz auf der Straße.
Gelbe Taxi-Leuchten am Straßenrand weisen schon von Weitem darauf hin: Hier ist eine Disco oder ein anderes Event - also ruhig, Brauner!

Zur nächsten Wertungsprüfung sind Muttern nach Gewinde- und Schlüsselgrößen zu sortieren.
Der Prüfer drückt die Stoppuhr.
42 Sekunden.
Keine Fehler.
Wird alles notiert auf der Fahrerkarte, dann geht es weiter.
5km später wedelt mir der Fahrtwind den Deckel des Tankrucksackes vor das Visier.
Der Schreck fährt mir in alle Glieder: Die Fahrerkarte!
Ich hatte den Reißverschluss nicht zugezippt.
Die Fahrerkarte ist mit dem Nachtwind tanzen gegangen.

Zurück zum Kontrollpunkt. "Nix gefunden?" "Nix!"
Ich drehe die Nebelscheinwerfer nach rechts und fahre stehend in Schrittgeschwindigkeit die Straßenränder ab.
Einmal - zweimal.

Die Raine sind frisch gemäht. Auch ist es jetzt nahezu windstill.
Weit kann die Karte nicht geflattert sein.

Eine ganze Stunde lang fahre ich immer wieder diese fünf Kilometer ab, auch auf dem parallelen Radweg.
Immer wieder blitzt die gleiche weggeforfene Zigarettenschachtel, die gleiche Colaflasche im Scheinwerferlicht auf.
Aber kein Din A5- Blatt...

Vielleicht hat sie ein anderer Fahrer gefunden und bis zur nächsten Kontrollstelle oder bis ins Ziel mitgenpmmen?
Wenn ich jetzt nicht weiterfahre, kommt mein Gesamt- Zeitlimit von 22 Stunden in Gefahr.
Also weiter.

Nein, der nächste Posten hat meine Karte nicht. Er will aber meine Zulassung haben.
Hält sie sich vor die Stirnlampe und fragt:
Leergewicht?
232kg.
Richtig. Wieviel Dezibel darf deine Maschine haben?
Keine Ahnung.
Dann rate!
78?
...
Hier krieg ich nur einen von fünf möglichen Punkten. Er wird mir auf einem Zettelchen bestätigt.

Am Horizont erscheint ein blassrosa Schimmer.
Auch außerhalb der Scheinwerferkegel sind wieder Baumshilouetten erkennbar.

Auf dem Parkplatz eines Einkaufscenters ein weitläufiger Parcour. Hier kann man auch mal aufdrehen.
Aber da ist auch ein Spurbrett zu meistern und eine Rampe, die das Fahrwerk ordentlich komprimiert, bevor man in die Schwerelosigkeit übergeht.
Ich verfranse mich ein wenig in der Reihenfolge, muss noch mal ansetzen.
Mist. Zeit läuft!
Mindestens drei Sekunden sind futsch.
Aber ansonsten war ich wohl nicht der Langsamste. Auch diese Zeit kommt auf mein Zettelchen.

Erstaunlich, was Sonntagmorgen halb vier so alles auf den Landstraßen unterwegs ist:
Milchtank-Züge, Mopedfahrer mit riesiger Angelausrüstung auf dem Rücken, superschnelle Sportwagen, Rehe, Fasane...

5:55Uhr.
Ich bin am Ziel.
Zwei letzte Wertungsprüfungen warten noch auf mich.
Fahrprüfung klappt super - volle Punktzahl.
Dann multiple joice-Fragen zur Geschichte des Motorsports. Manches weiß ich, das meiste rate ich.
Alles geschafft! Jetzt kann ich schlafen.
Könnte ich.
Aber die Müdigkeit will sich nicht einstellen.
Ich werde später an diesem Tag zwei Stunden schlafen, dann 200km nach Hause fahren und abends mit meiner Frau zum Stadtfest gehen...

Meine Starterkarte bleibt verschwunden.
Ich hätte schon gern gewusst, wo im Starterfeld ich mich eingereiht hätte.
Aber das ist nicht die Hauptsache - in erster Linie war es ein Wettkampf gegen mich selbst.
Ich weiß jetzt, was ich kann. Immerhin hatte ich bei der Startprüfung die beste Zeit von allen.

Vor allem aber weiß ich, wo ich hätte besser sein können.
Z.B. beim Verstauen der Starterkarte.
Aber auch sonst ist da jede Menge ungenutztes Potential...

Und zu allererst hat es Spaß gemacht!
Spaß, Spaß und nochmal Spaß!

Fazit: Wenn sich nicht Himmel und Hölle dagegenstellen, werde ich nächstes Jahr wieder am Start sein.
Aber dann mit Sicherheit einiges anders angehen.